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Backstage in Corona-Zeiten

Den Laden am Laufen halten – auch im Radio (07-01-21)

Es gibt Menschen, die auch während der Pandemie arbeiten können und andere, denen das nicht möglich ist.
Keiner von uns hat sich das ausgesucht.
Ich habe das Glück, zu Ersteren zu gehören.
Auch wenn inzwischen sehr vieles sehr anders geworden ist.
Viele Kolleg*innen sind im Homeoffice. An den Funk dürfen nur nur diejenigen, die mit der direkten Sendeabwicklung zu tun haben.
Und dazu gehören natürlich die Moderator*innen.
Ein Privileg klar. Für diejenigen, die gerade gar nichts tun können eine Traumvorstellung.
Aber trotzdem alles andere als einfach.
Hygienevorschriften, Abstandsregeln, auseinandergerissene Teams, viele Reibungsverluste durch digitale Kommunikation, die das direkte Gespräch und das persönliche Miteinander gerade im kreativen medialen Bereich nur schwer ersetzen kann.
Und heute nun einer der – seit Corona – sehr selten gewordenen Außeneinsätze.
Die Aufzeichnung einer Talksendung bei den NDR-Kollegen in Hamburg.
Weil mein Gesprächspartner dort lebt und arbeitet und es unterm Strich immer günstiger ist, den Moderator zu Mitarbeiterkonditionen irgendwohin zu schicken als einen Gast extra von weiter her anreisen zu lassen.
Geht sowas denn nicht auch über Leitung? fragen uns immer wieder Menschen.
Klar geht sowas. Technisch gesehen auf jeden Fall, aber dann wäre der Talk nicht der Talk.
Dieses Format lebt davon, dass sich zwei Menschen im persönlichen Gespräch gegenüber sitzen und dass beide miteinander in Resonanz gehen.
Und das können Menschen eben am besten, wenn Sie physisch beieinander sind.
Nur dann entsteht diese besondere Atmosphäre.
Es ist die Königsdisziplin im Journalismus – neben der Bundesliga-Reportage in der samstäglichen Schaltkonferenz, wofür ich jeden meiner Sport-Kollegen und inzwischen endlich auch immer mehr Kolleginnen abgrundtief bewundere.
Ich moderiere dieses Talkformat unheimlich gerne und freue mich immer, wenn ich im Gespräch mit meinen Gästen diese ganz besonderen Momente entstehen lassen kann.
Und ich bin dafür auch gerne unterwegs. In der Regel passiert das etwa 3-4 Mal im Jahr.
Heute aber war alles ganz anders.
Aufstehen um 4.30 Uhr, um genügend zeitlichen Puffer zu haben, falls es Verspätungen gibt. Soweit kein Problem.
Den früheren Zug nehmen, weil es schneit. Kein Problem.
Spätabends um halb elf zuhause sein. Auch kein Problem.
Der Zug war dann sogar so pünktlich, dass ich zu Fuß vom Bahnhof bis zum Funkhaus gelaufen bin, um ein bisschen frische Luft zu schnappen.
Aber alles, was ich auf dem Weg dahin gesehen habe, war zutiefst deprimierend.
Ein grauer, kalter, nasser Tag in Hamburg fast ohne Menschen auf der Straße, Geschäfte zu, kein Café, in dem man sich mal eben hätte aufwärmen können, traurige, frierende Tauben auf den Gassen und über allem eine bleierne Tristesse.
Ich war froh, dass mich der Pförtner – obwohl zu früh – schon ins Produktionsstudio gelassen hat, damit ich mich im Wartebereich dort ein bisschen aufwärmen konnte. Unterwegs habe ich für meinen Talk-Gast noch eine Flasche Wasser besorgt, weil ich nicht wusste, ob die Kantine aktuell in Betrieb ist. (Es gibt auch Funkhäuser, wo aktuell noch nicht mal ARD-Mitarbeiter rein dürfen).
Grundsätzlich ist das natürlich alles kein Drama, aber es macht etwas mit dem Mindset. Dieses Bedrückende muss man sich als Moderator erstmal
wieder von der Seele schaffen, damit man nichts davon in der Aufnahme hört.
Denn in bedrückenden Zeiten brauchen die Menschen nicht auch noch bedrückte Moderatoren. Aber das ist tatsächlich manchmal ganz schön schwierig.
Denn auch Moderator*innen haben Kinder, die in dieser Krise betreut werden müssen, haben Eltern, die zur Risikogruppe gehören, haben selbst Angst davor, sich anzustecken und nicht arbeiten zu können (wir sind in der Regel alle freie Mitarbeiter und niemand will gerne Dienste abgeben müssen) und wir alle versuchen, diesen Spagat zwischen – machen, was möglich ist und sich einschränken, wo es geht – irgendwie hinzukriegen.
Am schlimmsten ist dabei allerdings der Unmut, der Frust und nicht selten auch die Wut, die sich von außen über uns entlädt.
Fast so, als ob wir die heimlichen Nutznießer dieser Krise wären. Dabei werden gar nicht mehr die Menschen, die sich bemühen, auch unter Corona-Bedingungen, ordentliche Arbeit zu machen, gesehen, sondern nur noch ‚DER APPARAT‘ – ‚DAS SYSTEM‘ – oder ‚DIE POLITIK‘.
So als ob man das als eine Art persönlichen Blitzableiter bräuchte, weil das Leben gerade nicht so läuft, wie wir alles das gerne hätten.
Deshalb ist mein persönlicher Respekt vor dem, was die politisch Verantwortlichen gerade versuchen, ziemlich gewachsen.
Weil sie in einer für uns alle neuen und nie gekannten Situation versuchen, dieses Land durch die Pandemie zu bringen.
Nicht immer mit dem Königsweg. Sondern nach dem Trial-and-Error-Prinzip. Aber nach was denn sonst, wenn man keine Erfahrungen mit einer Gesamtsituation wie dieser hat?
Tage wie heute machen mich müde. Auch innerlich.
Aber nur bis morgen.
Dann bin ich wieder ausgeschlafen – nach diesem 16-Stunden-Arbeitstag.
Und ich werde ab jetzt bloggen, glaube ich.
Über meine Arbeit – Backstage in Corona-Zeiten.
Bleibt alle gesund. Und zuversichtlich. Trotzdem.